Übersetzer und Dolmetscher – zwischen Baum und Borke

Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in 30 Berufsjahren einen Dolmetsch-Auftrag von einer Agentur angenommen. Und gleich die schlimmste Erfahrung in diesen 30 Jahren gemacht. Die mir unbekannte Agentur kam von sich aus auf mich zu und bot sehr viel Geld (40% von dem Preis, den der Kunde an sie zahlen muss, das ist „normal“ bzw. üblich). Was ich genau zu dolmetschen hätte, wurde mir nicht gesagt, aber ich bekam postwendend eine Art Knebelvertrag zugesandt – den ich allerdings nicht unterschrieb, weil ich nur unter meinen eigenen AGB arbeite. Auf Nachfrage bei der Leitung der betreffenden Konferenz erfuhr ich, dass ich über das, was zu dolmetschen sein würde, vorab kein Material erhalten könne.

Bei der Konferenz angekommen, stellte ich erstaunt fest, dass eine Kollegin dabei war. Sie hatte sich mit Hilfe der Referentin, die sie zu dolmetschen hatte, mehrere Tage auf ein Referat vorbereiten können, das wir beide auch ohne Vorbereitung bewältigt hätten. „Meine“ Referentin gab mir an Ort und Stelle einen fertig ausformulierten juristischen Fachartikel, den ich nun zum ersten Mal sah. Da war ich in Not und lieferte zum ersten Mal eine schlechte Leistung ab.

Im Nachhinein wurde mir gesagt, wenn man von einer so renommierten Agentur für so viel Geld eine Dolmetscherin bekäme, könne man erwarten, dass sie so etwas ohne Vorbereitung dolmetschen könne.

Diese Vorstellung vom Beruf des Sprachmittlers liegt wohl u.a. an einer ganz bestimmten Illusion: Man hört einen wichtigen Menschen im Fernsehen eine Rede halten, und aus dem off kommt „simultan“ die Übersetzung. Aber diese Stimme liest vor, was Übersetzer Tage vorher mit den entsprechenden Hilfsmitteln am Computer übersetzt und redigiert haben. Ich sah einmal auf Phoenix Wim Duisenberg eine Rede halten – und konnte mit der deutschen Dolmetscherin mitsprechen, weil ich die Rede zuvor übersetzt hatte.

Ein anderer Punkt ist, dass man von einer „renommierten“ (= teuren) Agentur erwarten können sollte, dass sie sich das Profil des Sprachmittlers ansieht, den sie rekrutieren will, und ihm mitteilt, was genau verlangt wird. Was man in Wirklichkeit von Agenturen erwarten kann, ist dass sie abschöpfen und dadurch ein schlechteres Preis-Leistungs-Verhältnis bieten als direkt rekrutierte Dolmetscher und Übersetzer.

publiziert am 24.11.2013 bei Language-Wizard.de.